Mary Flora Bell, geboren am 26. Mai 1957 in der englischen Stadt Newcastle upon Tyne, ist eine der berüchtigtsten Kindermörderinnen der britischen Kriminalgeschichte. Ihr Fall, geprägt von einer dunklen Kindheit und grausamen Taten, wirft Fragen über die gesellschaftlichen Bedingungen, die zu solch extremen Verhaltensweisen führen können. Im Alter von nur elf Jahren wurde sie wegen Totschlags an zwei Kleinkindern verurteilt und verbrachte mehrere Jahre in Haft, bevor sie schließlich auf Bewährung entlassen wurde. Mary Bells Kindheit war von Vernachlässigung und Missbrauch geprägt. Ihre Mutter, Betty Bell, wurde im Alter von 17 Jahren Mutter, die Mary am liebsten abgeben wollte und nicht im Stande war eine liebevolle Bindung zu ihrer Tochter aufbauen. Mary wuchs im heruntergekommenen Sozialwohnungsviertel Scottswood auf, wo Armut und Verzweiflung vorherrschten. Betty arbeitete als Prostituierte und war mit einem Kleinganoven verheiratet, der nicht Marys Vater war. Die junge Mutter versuchte mehrmals, Mary wegzugeben, um ihr eigenes Leben fortzusetzen. Die physischen und psychischen Misshandlungen, die Mary erlebte, waren erschreckend. Als sie erst drei Jahre alt war, schubste ihre Mutter sie beinahe aus dem Fenster, und ihr Onkel rettete sie in letzter Sekunde. Im Alter von nur 5 Jahren wurde Mary gezwungen sexuelle Handlungen an den Freiern ihrer Mutter auszuüben. Über die Jahre wurde Mary von ihrer Mutter regelmäßig geschlagen und misshandelt. Es gibt sogar Berichte darüber, dass Betty versucht haben soll, ihre Tochter durch Vergiftung zu töten. Diese traumatische Kindheit hinterließ bei Mary tiefe Spuren. Sie hatte ein starkes Profilierungsbedürfnis und entwickelte schon früh gewalttätige Verhaltensweisen. Im Kindergarten war sie eine Außenseiterin, die sich oft aggressiv gegenüber anderen Kindern verhielt. Schon in jungen Jahren begann sie, gefährliche und gewalttätige Fantasien zu entwickeln, einschließlich der Simulation von Erwürgen. Am 25. Mai 1968, nur einen Tag vor ihrem elften Geburtstag, beging Mary Bell ihren ersten Mord. Sie erwürgte den vierjährigen Martin Brown in einem leerstehenden Haus in Anwesenheit ihrer 13 Jahre alten Freundin Norma Bell. Der Vorfall stellte die Polizei zunächst vor Rätsel, da keine Anzeichen eines Kampfes gefunden wurden, weshalb von einem tragischen Unfall ausgegangen wurde. Mary zeigte kein Bedauern und verhielt sich sogar hämisch gegenüber den Angehörigen des Opfers. Ihre Verachtung für deren Trauer kam besonders zum Ausdruck, als sie die Tante des Ermordeten direkt fragte, ob sie um Martin geweint habe. An Marys 11. Geburtstag versuchte diese die 3 Jahre alte Schwester ihrer Freundin Norma zu erwürgen, was deren Vater jedoch gerade noch rechtzeitig verhindern konnte. Noch am selben Tag verschafften sie sich Zugang zur örtlichen Schule, die sie verwüsteten. Sie hinterließen einen Zettel, in dem sie sich unter den Pseudonymen „Fanny und Faggot“ als Mörder von Martin Brown outeten. Nur wenige Wochen später, am 31. Juli 1968, tötete Mary zusammen mit ihrer Freundin Norma den dreijährigen Brian Howe in einer abgeschiedenen Blocksiedlung. Mit einer Rasierklinge ritzten sie den Buchstaben „M“ in seinen Bauch, schnitten einige seiner Haare ab und häuteten seine Genitalien. Auch diesmal verhielt sich Mary ungeniert. Doch Mary schaffte es, den Verdacht geschickt von sich abzulenken, bis schließlich mutmaßliche Beweise und das Geständnis von Norma Bell dazu führten, dass Mary inhaftiert wurde. Ihr Verhalten während der gesamten Ermittlungen war auffällig. Während der Verhöre gab sie zunächst an, eine Zeugin gewesen zu sein, und schob die Schuld auf Norma. Doch die Beweislage und die Zeugenberichte führten letztlich dazu, dass Mary als Hauptverdächtige galt. Der Prozess begann am 5. Dezember 1968 und zog ein beträchtliches Medienecho nach sich. Während des Prozesses wurden beide Mädchen als gegensätzliche Charaktere präsentiert: Norma, die durch ihre vermeintlich verletzliche Art Sympathien gewann, und Mary, die kalt und manipulativ erschien. Am 13. Dezember 1968 wurde Mary Bell schließlich für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt, während Norma Bell freigesprochen wurde, die später aber wegen des Einbruchs in die Schule zu 3 Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Da es in England kein spezielles System für die Inhaftierung von kindlichen Mördern gab, wurde Mary Bell im Februar 1969 in einem geschlossenen Erziehungsheim untergebracht. Dort fand sie eine gewisse Stabilität und Zuversicht und betrachtete den Heimleiter als eine Art Ersatzvater. Dieser Status hielt jedoch nicht lange vor, und mit 16 Jahren wurde sie in ein Frauengefängnis überstellt, wo sie schnell in alte Verhaltensmuster zurückfiel. Im Jahr 1980, im Alter von 22 Jahren, wurde Mary Bell schließlich aus der Haft entlassen. Ihre Zeit im Gefängnis war von konfliktreichen Ereignissen geprägt, darunter 1977 eine Flucht aus einem Minimalsicherheitsgefängnis und der Verlust ihrer Jungfräulichkeit, was die Schlagzeilen erneut auf sie lenkte. Nach ihrer Entlassung versuchte Mary Bell, ein normales Leben zu führen. Sie heiratete und bekam eine Tochter, doch die Ehe scheiterte bald darauf. Mary zog mit ihrer Tochter und ihrem neuen Lebenspartner in ein Dorf im Nordosten Englands. Doch nachdem die Nachbarn von ihrer Vergangenheit erfuhren, sah sie sich massiven Bedrohungen und Protesten ausgesetzt. Der Boulevardjournalismus trug zur Schaffung eines feindlichen Umfelds bei, das Mary und ihre Familie an den Rand der Gesellschaft drängte. Mary und ihre Familie zogen an die englische Südküste. Dadurch das Mary ein gerichtliches Presseverbot erwirken konnte, damit ihr Aufenthaltsort geheim blieb, konnte sie weitestgehend ein normales Leben führen. Anno 1998 veröffentlichte die Journalistin Gitta Sereny ein Buch über Mary Bells Leben, „Cries Unheard“, wobei Mary für ihre Mitarbeit eine Summe von 15.000 Pfund erhielt. Dies führte zu einem erneuten öffentlichen Aufschrei und Debatten darüber, ob profitbringende Veröffentlichungen über Verbrecher moralisch vertretbar sind. Einige politische Stimmen forderten gesetzliche Maßnahmen, um solche Publikationen zu unterbinden. Der Fall Mary Bell bleibt ein tragisches Beispiel dafür, wie komplexe psychosoziale Faktoren zur Entwicklung von Gewalt und extremen Verhaltensweisen beitragen können. Die brutalen Morde, die sie beging, und die Umgebung, aus der sie stammte, bieten einen düsteren Einschnitt in die Mechanismen von Missbrauch und Vernachlässigung. Trotz ihrer Entlassung hat Mary Bells Vergangenheit einen Schatten über ihrem Leben geworfen, der bis heute nachhallt und die Fragen nach Verantwortung, Sühne und dem Potential zur Heilung offenbart.
