Charlotte Corday, geboren am 27. Juli 1768 in der französischen Gemeinde Les Ligneries, ist eine der schillerndsten Figuren der Französischen Revolution. Ihr Name ist für immer mit dem Mord an dem radikalen Journalisten und Politiker Jean Paul Marat verbunden, einem Ereignis, das nicht nur zur Exekution Cordays führte, sondern auch den Verlauf der Revolution selbst beeinflusste. Charlotte Corday stammte aus einer aristokratischen Familie und war eine Nachfahrin des Dramatikers Pierre Corneille. Ihre Bildung war geprägt von den Ideen der Aufklärung, die sie bereits in ihrer Jugend in einem Kloster erlernte, wo sie die Schriften großer Denker wie Rousseau und Voltaire studierte. Diese aufklärerischen Ideale führten zu ihrem Widerspruch zu den extremen Strömungen der Revolution. Während sie zunächst die Revolution begrüßte, begann sie bald, sich von den radikalen Jakobinern, insbesondere von Marat, der in der Bevölkerung nur „Freund des Volkes“ genannt wurde, abzuwenden. Ihre Brüder waren leidenschaftliche Royalisten und emigrierten, was ihren zunehmend royalistischen und gemäßigten Standpunkt prägte. Cordays Ablehnung der Jakobiner wurde durch die brutalen politischen Kämpfe während der Revolution verstärkt. Die Girondisten, mit denen sie sympathisierte, verloren rasch an Einfluss gegenüber den radikalen Montagnards. In dieser turbulenten Zeit beobachtete man, wie der Nationalkonvent die gemäßigten Kräfte vertrat, die von den sogenannten Sansculotten Milizen, den Pariser Kleinbürger- und Arbeiterstreitkräften, unter Druck gesetzt wurden, was zu einem massiven Blutvergießen führte. Corday, überzeugt durch ihre Ansichten und das Gefühl, dass die Ideale der Aufklärung verraten wurden, entschied, dass ein entschlossener Schritt notwendig war, um diesen Terror zu stoppen. Ihr Ziel war es, Marat zu töten, den sie als Hauptverantwortlichen für die Gewalt und den Blutdurst der Jakobiner ansah. Sie schrieb in einem späteren Brief, dass sie glaubte, durch den Mord an Marat die Möglichkeit einer Konterrevolution einzuleiten und den Frieden in Frankreich wiederherzustellen. Für Corday war der Mord nicht nur ein krimineller Akt, sondern eine patriotische Pflicht, die sie bereit war, mit ihrem Leben zu bezahlen. Der Ablauf des Attentats ist genau dokumentiert und zeigt Cordays Entschlossenheit. Am 9. Juli 1793 reiste sie von Caen nach Paris, wo sie ein Hotelzimmer nahm. Zuvor hatte sie bereits einen Reisepass beantragt und alles vorbereitet, um Marat zu ermorden. Am 13. Juli 1793, am Vorabend des Angriffs, kaufte sie ein Küchenmesser und verfasste einen Brief an das französische Volk, in dem sie ihre Beweggründe darlegte. Mit dem Vorwand, Informationen über Girondisten zu liefern, gelang es ihr, in Marats Wohnung einzudringen. Als sie schließlich Marat traf, der in einer Badewanne saß, war es der Moment ihres Lebens. In einem kurzen Gespräch gab sie vor, Informationen über eine bevorstehende Verschwörung zu liefern. Als Marat ihr versicherte, dass er die Namen der geflüchteten Girondisten aufschreiben wolle, stach Corday mit dem Messer zu. Der Angriff war brutal und direkt. Sie verletzte Marat so schwer, dass er noch in der Badewanne starb. Corday wurde noch am Tatort von den Nationalgardisten gefasst. Cordays Entschlossenheit und Kaltblütigkeit in einem solchen Moment hinterlässt bei den Zeitgenossen einen tiefen Eindruck. Die Reaktionen auf Cordays Tat waren gemischt. Viele sahen in ihr eine Heldin, die den Mut hatte, gegen das tyrannische Regime der Jakobiner zu kämpfen. Andere wiederum verurteilten sie als Mörderin, die für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden musste. Durch das Attentat wurde Marat zum Märtyrer der Französischen Revolution auserkoren. Der Prozess gegen Corday fand schnell statt. Corday trat unerschrocken vor das Revolutionstribunal und verteidigte ihr Handeln als patriotischen Akt. Ihr Argument, dass sie Marat getötet hatte, um viele andere zu retten, fand sowohl Zuspruch als auch Empörung. Corday sagte: „Ich habe einen Mann getötet, um hunderttausend zu retten.“ Am 17. Juli 1793 wurde Corday zum Tode verurteilt. Ihr letzter Wunsch war es, dass sie von einem Offizier der Nationalgarde portraitiert werde. In einem letzten Brief bat sie ihren Vater um Vergebung und erklärte, dass sie stolz auf ihr Handeln sei. Trotz ihrer Gefangenschaft zeigte sie keinerlei Reue und bestand darauf, dass sie Marat nicht aus persönlichen Gründen, sondern für das Wohl des Landes getötet hatte. Die Hinrichtung von Charlotte Corday fand am Abend des 17. Juli 1793 statt. Ihre letzte Reise zum Schafott wurde von einer Menge begleitet, die sie mit Schmähungen überzog. Trotz des Hasses der Zuschauer blieb Corday gefasst. Es wird erzählt, dass sie ihren Kopf selbst unter das Fallbeil legte, was ihren unbeugsamen Charakter widerspiegelte. Nach ihrem Tod wurde ihr Körper in ein Massengrab beigesetzt. Die Umstände ihrer Beerdigung sind unklar, und Gerüchte besagen, dass ihr Kopf als Kuriosität aufbewahrt wurde und bis ins 20. Jahrhundert im Besitz der Familie Bonaparte war. Charlotte Cordays Tat und ihr Schicksal werfen mehrere Fragen auf. War sie wirklich eine Heldin, oder war sie lediglich eine tragische Figur in einem Spiel von Macht und Gewalt? Ihre Aktion kann sowohl als Akt des Widerstands gegen eine tyrannische Regierung als auch als Zeichen von Fanatismus angesehen werden. In der Nachbetrachtung ihrer Person und ihrer Taten erkennen wir die Komplexität der menschlichen Moral in Zeiten der politischen Unruhe. Corday bleibt ein Beispiel für den tiefen Konflikt zwischen individueller Überzeugung und den Massenbewegungen der Geschichte. In der modernen Geschichtsschreibung wird Charlotte Corday oft als Symbol für den Widerstand gegen Tyrannei betrachtet. Ihr Leben und ihr Tod stehen für den kämpferischen Geist einer Frau, die bereit war, alles für ihre Überzeugungen zu opfern. Ihre Figur hat in der Literatur, Kunst und Kultur ihren Platz gefunden und inspiriert weiterhin Debatten über die Rolle der Frau in revolutionären Bewegungen und die Grenzen des Widerstands gegen Unterdrückung. Anno 1847 gab ihr der Schriftsteller Alphonse de Lamartine posthum den Spitznamen „l´ange de l ´assassinat“, der „Engel des Attentats“. Charlotte Corday ist zweifelsohne eine vielschichtige und komplexe Figur der französischen Geschichte. Ihr Mord an Jean Paul Marat stellt einen entscheidenden Moment während der Französischen Revolution dar und hat Generationen von Historikern, Schriftstellern und Philosophen beschäftigt. Ihr Erbe lebt in den Diskussionen über Gerechtigkeit, Moral und das Recht auf Widerstand weiter, und sie bleibt ein unverzichtbarer Teil der Erzählung über Freiheit und Tyrannei im 18. Jahrhundert und darüber hinaus.
