Die Geschichte von Hannah Brown ist eine der schaurigsten Mordgeschichten, die London je gesehen hat. Im Jahr 1837 wurden die Bürger der Hauptstadt von einem Verbrechen erschüttert, das so gruselig war, dass es sie gleichzeitig faszinierte und ekelte. Der Fall begann in den kalten Wochen des Januars. Am 9. Januar 1837 konnte der Schleusenwärter Matthias Ralph von Johnson’s Lock am Regent’s Canal gegen halb neun Uhr morgens die Schleusentore aufgrund eines blockierenden Gegenstandes nicht schließen, weshalb er eine lange Stange mit Haken holte, um das Hindernis zu entfernen. Als er den Gegenstand befreit hatte, konnte er seinen Augen nicht trauen. Denn es handelte sich um ein menschliches Haupt. Ein schockierender Fund, der bereits viele Fragen aufwarf. Die Crew, die sich um die Ben Jonson Locks kümmerte, war zwar an merkwürdigen Dingen gewöhnt, aber eine menschliche Leiche? Das war ein ganz anderes Kaliber. Ein genauerer Blick ließ darauf schließen, dass der Kopf einer Frau mittleren Alters gehörte, frisch aus dem Wasser gefischt. Bereits am 28. Dezember 1836 hatte ein Bauarbeiter namens Bond in der Nähe der Edgware Road einen blutgetränkten Sack entdeckt. Der Anblick des durch das Material sickernden, gefrorenen Blutes ließ sein Blut gefrieren. Die Polizei wurde gerufen, die im Sack einen Torso einer Frau entdeckte, die etwa 50 Jahre alt. Der Bezirksarzt Dr. Girdwood rätselte, ob der abgetrennte Kopf wohl zu dem gefundenen Torso gehörte, weshalb er die Kollegen in Paddington kontaktierte und tatsächlich passte dieser zum Torso. Der Kopf wies einen schweren Schlag auf, der vermutlich die Todesursache darstellte. Die brutal zerschnittenen Körperteile ließen die Gerüchteküche brodeln, und die Presse füllte die Seiten mit Spekulationen. Der rätselhafte Mord blieb in aller Munde, bis das Puzzlestück schließlich vervollständigt wurde, als der Arbeiter James Page in Camberwell menschliche Beine entdeckte. Nach monatelangem Rätselraten hatten die Ermittler endlich einen kompletten Leichnam, aber noch keinen Verdächtigen und auch die Identität der Leiche war noch völlig unklar. Am 20. März 1837 suchte ein Mann namens Mr. Gay den Kirchenvorstand von Paddington auf, um nach seiner seit Weihnachten vermissten Schwester zu fragen. Es handelte sich um Hannah Brown, eine Frau mittleren Alters, die als Wäscherin für Privatkunden arbeitete und mit einem 51 Jahre alten Mann namens James Greenacre, einem Tischler aus Lambeth, verlobt war, den sie am ersten Weihnachtsfeiertag um 10 Uhr in der St. Giles-Kirche heiraten wollte. Doch seitdem fehlte jede Spur von ihr. Diese Entdeckung brachte alles ins Rollen. Denn Hannah Brown wurde von ihrer Nachbarin Elizabeth Corney am 24. Dezember 1836 zuletzt lebend gesehen, als sie zu einem Mann in eine Hansom-Kutsche eingestiegen war. Dieser entpuppte sich später als ihr Verlobter James Greenacre, mit dem Hannah nach Amerika auswandern wollte. Darum hatte sie ihren persönlichen Besitz verkauft. Die Suche nach Greenacre, der dreimal verheiratet gewesen war und dessen drei Ehefrauen allesamt das Zeitliche gesegnet hatten, gestaltete sich schwierig, bis er schließlich am 24. März in der Kennington Road gefunden wurde, wo er mit seiner Geliebten Sarah Gale lebte. Der erste Eindruck war alarmierend. Denn überall standen vollgepackte Koffer, und Greenacre hatte Tickets für eine Überfahrt nach Amerika bei sich. Die Polizei fand schnell persönliche Gegenstände von Hannah in seinen Sachen. Es stellte sich heraus, dass Greenacre Hannah, die er zunächst für wohlhabend hielt, umgebracht hatte, als ihm klar wurde, dass sie bei Weitem nicht das Geld besaß, das er sich erhofft hatte. Die Tat wurde als Flucht vor der bevorstehenden Ehe interpretiert, und die beiden Verhafteten mussten sich nur wenige Wochen später, am 2. Mai 1837, vor Gericht verantworten. James leugnete zunächst den Mord. Dann beteuerte er, dass seine Lebensgefährtin Sarah nichts von Hannah gewusst hatte. Ihr Tod stellte er als tragischen Unfall dar. Als er herausgefunden hatte, dass Hannah alles andere als vermögend war, war es zu einem Streit gekommen, bei dem er versehentlich mit einem Holzstück auf Hannah Kopf eingeschlagen hatte, die tot zu Boden fiel. Aus Angst, dass ihm niemand glauben würde, hatte er Hannahs Leiche zerstückelt und anschließend in der Stadt entsorgt. Das Gerichtsverfahren am Old Bailey war bemerkenswert kurz. Innerhalb von zwei Tagen wurden die Urteile gefällt. James Greenacre wurde zum Tode verurteilt, während Gale nach Australien deportiert wurde, von wo sie niemals zurückkehrte. Der Fall von Hannah Brown und James Greenacre wird oft als eine der ersten großen Morduntersuchungen Londons angesehen und wurde weiterhin in vielen Büchern, wie zum Beispiel „Die Verdächtigungen von Mr Whicher“ von Kate Summerscale, narrativ erzählt. Mit dem Tod von Greenacre endete diese schauerliche Episode, die das öffentliche Interesse an Mordfällen im viktorianischen England neu entfachte. So bleibt der Fall Hannah Brown nicht nur ein Teil der Kriminalgeschichte Londons, sondern auch ein gruseliger Teil der urbanen Legende, die die Fantasie der Menschen bis heute beflügelt.
