Im kleinen, abgeschiedenen Dorf Saint-Eyr-la-Rossière, wo die Sonne über den sanften Hügeln aufging und die Vögel fröhlich zwitscherten, lebte ein Kind, das von diesen Bildern der Idylle weit entfernt war. Dieses Kind war die erst 10 Jahre alte Honorine Pellois, die Tochter eines armen Paares, das in ihrem Zuhause mehr Sorgen als Freude haben konnte. Ihre Kindheit war von Vernachlässigung und ungleicher Erziehung geprägt. Der Vater, stark und grausam, die Mutter, nachsichtig und blind gegenüber den dunklen Neigungen ihrer Tochter. Schon früh hatte Honorine eine bizarre Vorliebe für Grausamkeit entwickelt. Sie quälte nicht nur die anderen Kinder im Dorf, sondern auch die Tiere, die sie als Machtobjekte betrachtete. In den Augen der Dorfbewohner begann sie zu demontieren, was sie liebte und sorgte damit für Furcht und Entsetzen. Viele Dorfbewohner berichteten von ihren Taten, doch niemand wagte es, sich ihr entgegenzustellen. Es war der 16. Juni 1834 als das Unheil seinen Lauf nahm. Honorine, in einem Anflug irrationaler Eifersucht, warf die erst 2 Jahre und 10 Tage alte Amelie Alexandre, die so unschuldig wie eine Blume im Frühling war, in den Brunnen. Zwei Tage später stieß sie die 2,5 Jahre alte Virginia Hersant ebenfalls in den Brunnen. Die Mütter, voller Hoffnung, suchten verzweifelt nach ihren verschwundenen Kindern. Honorine, in ihrer kalten Indifferenz, beobachtete die Trauer und Verzweiflung, die sie selbst verursacht hatte, mit schrecklicher Freude. Als schließlich die Mädchenleichen im Brunnen entdeckt wurden, geriet schnell Honorine in Verdacht, da diese nur wenige Tage nach dem Verschwinden der beiden Mädchen, versucht hatte den 11 Jahre alten Jungen Gaucliard in den Brunnen zu werfen, was ihr aber missglückte. Honorine wurde verhaftet und es wurde Anklage gegen die „kleine Verbrecherin“ erhoben. Honorine trat mit einem Lächeln vor die Richter, unfähig zu begreifen, dass ihre Freiheit auf dem Spiel stand. Das Publikum war entsetzt und fasziniert zugleich. Wie konnte ein Kind so böse sein? Wie konnte es ohne ein Zeichen von Reue die Schrecklichkeiten gestehen, die es begonnen hatte? Es war kein normales Gerichtsverfahren. Die beiden Mütter, die ihre Töchter verloren hatten und vor den Richtern aussagten, waren gebrochen, wie ausgehöhlte Muscheln am Strand, während Honorines Blick alles umschloss, als beobachtete sie ein Theaterstück. Ihre Naivität war gruselig und verstörend. Ein Kontrast zu den herzzerreißenden Klagen der Mütter, die ihre toten Kinder betrauerten. Während der Verhandlung offenbarte Honorine mit einer erschreckenden Offenheit, dass sie die kleinen Mädchen aus Eifersucht getötet hatte. Ein Aufschrei durchbrach den Raum, als die Mütter zusammenbrachen. Doch sie blieb unbeeindruckt, ihr Blick wanderte von einem Gesicht zum anderen und suchte nach Reizen im Unglück anderer. Ein Zeuge, ein älterer Mann, erzählte, wie er sie einmal erwischte, wie sie mit einem Hund ein Schaf umbrachte. Honorine lachte, als er sprach, als hätte er eine amüsante Anekdote erzählt. Es wurde deutlich, dass sie in ihrem Herzen nicht nur das Böse erkannt hatte, sondern es auch umarmte. Am Ende des Prozesses wurde sie für schuldig befunden und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Honorines Lippen pressten sich zusammen und ihre Augen blitzten, als das Urteil verkündet wurde. Sie verstand die Schwere ihrer Taten, aber auch die Ironie ihres Schicksals. Ein Kind hatte das Böse in einer Kunst verkörpert, die Erwachsene erschreckte. So wurde Honorine Pellois zur Legende in Saint-Eyr-la-Rossière. Die Schatten des Brunnens würden für immer mit ihrem Namen verbunden bleiben. Eltern erzählten ihren Kindern, um sie zu warnen, dass nicht jeder, der lächelt, gut ist. Das Bild eines kleinen Mädchens, das in den Augen der Dorfbewohner sowohl Angst als auch Faszination hervorrief, blieb bis ans Ende der Zeiten in den Herzen und Köpfen der Menschen. Die Geschichte von Honorine, der kleinen Verbrecherin, ist bis heute faszinierend und erschreckend zugleich.
