Schon über Jahrtausende wurde Gift als Mordwaffe verwendet, die besonders bei Frauen hoch im Kurs war, da keinerlei physische Gewalt erforderlich war, um das Opfer ums Eck zu bringen. Eine Frau, die sich dieser Methode bediente, war Milica Vukobrankovics de Vuko et Branko. Diese Fürstentochter war der letzte Spross eines serbischen Adelsgeschlechts, die trotz ihrer Giftmordversuche in den Jahren 1917 und 1922 an zwei Ehefrauen und den Kindern ihrer Liebhaber, später unter dem Namen Elisabeth Thury als eine der bedeutendsten österreichischen Nachkriegsjournalistinnen verehrt wurde. Doch wer war diese Frau mit den zwei Gesichtern? Milica erblickte am 1. März 1894 als Tochter von Hermann von Vukobrankovics, einem Reserveoffizier und Juristen, der kaiserlich und königlicher Beamter und Leiter der Bezirkshauptmannschaft Korneuburg war, in Korneuburg das Licht der Welt. Milicas Vater war recht tobsüchtig, der als Milica 13 Jahre alt war an den Folgen seiner Syphilis-Erkrankung verstarb. Milica war eine wissbegierige junge Frau, die aufgrund ihrer hervorragenden Leistungen in der Lehrerbildungsanstalt in Wien von dem Direktor der Lehrerbildungsanstalt, dem Landesschulinspektor Rudolf Piffl gefördert wurde. Milica war ein beliebter Gast im Haus Piffl, mit dem sie heimlich eine leidenschaftliche Affäre hatte. Doch dann erkrankten im März 1917 dessen Ehefrau und Kinder plötzlich. Der herbeigeholte Hausarzt ordnete die Krankheitssymptome einer Arsenvergiftung zu und alarmierte die Polizei. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass die Maisspeise mit Arsen vergiftet worden war. Schnell geriet Milica unter Verdacht, da diese die einzige fremde Frau im Hause Piffl war und ihre Nebenbuhlerin samt Kinder loswerden wollte. Doch die Beweise gegen Milica reichten nicht aus und da Piffl einen Skandal wegen seiner außerehelichen Affäre vermeiden wollte, deckte er Milica. Erst als seine Frau in Milicas Tasche ein Buch mit dem Titel „Psychologie des Giftmordes“ von Erich Wulffen fand, zeigte Rudolf Piffl Milica an. Doch mangels an Beweisen wurde der Fall im Dezember 1917 von der Polizei ad acta gelegt. Als Antonia Piffl ihren 50. Geburtstag am 13. Februar 1918 feierte, brachte ihr auch Milica ein Geschenk. Dieses war eine Flasche Wein, die sie Antonia mit den Wünschen auf ein langes Leben übergab. Antonia Piffl hatte aufgrund der ganzen Situation von ihrem Arzt Beruhigungstabletten verschrieben bekommen. Nach der Geburtstagsfeier wollte sie eine Tablette einnehmen, bemerkte aber die ungewöhnliche Größe. Jemand hatte tatsächliche die Beruhigungstablette gegen eine Phosportablette ausgetauscht. Natürlich verdächtigte Antonia sofort Milica, der Hausverbot erteilt wurde. Unterdessen unternahm Milica alles dem Adoptivsohn der Piffls die Mordversuche anzuhängen. Dafür hatte sie eine Schülerin zur Familie Piffl gesandt, um im Zimmer des Adoptivsohnes einen Phosphortiegel und Opiumtropfen zu deponieren. Am 12. März 1918 wurde Milica festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht, die vehement ihre Unschuld beteuerte. Im Oktober begann der Geschworenenprozess wegen mehrfach versuchten meuchlerischen Giftmordes. Milica war sehr intelligent und vor allem redegewandt. Sie verstand des die Geschworenen in ihren Bann zu ziehen und von ihrer Unschuld zu überzeugen, die sie am 30. Oktober 1918 tatsächlich freisprachen. Trotzdem erhielt sie wegen Verleumdung des Ziehsohnes der Piffls 2 Jahre Kerker. Doch die Fürstentochter verbüßte von ihrer Strafe nur wenige Monate, da sie 1919 begnadigt wurde. In Freiheit trat sie 1919 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. Über ein Zeitungsinserat fand sie als Sekretärin eine Anstellung beim bekannten Karl Konegen Verlag in Wien, da sie ihre Tätigkeit als Lehrerin aufgrund ihrer kriminellen Vergangenheit nicht mehr ausüben durfte. Milica wurde dank ihres Engagements die rechte Hand des 51 Jahre alten Verlagschefs Ernst Stülpnagel, mit dem sie im September 1920 ein Techtelmechtel anfing, bis Milica 1922 von diesem schwanger wurde. Doch Ernst Stülpnagel dachte nicht an eine Scheidung von seiner Ehefrau, weshalb es zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit Milica kam. Kurz danach erkrankte nicht nur Ernst Stülpnagen, sondern auch dessen Ehefrau, die beiden Söhne sowie eine Bedienstete. Diese hatten seltsame Krankheitssymptome. Stülpnagel ließ unverzüglich einen Arzt kommen, der Vergiftungserscheinungen von Bleiweiß erkannte, das in den Puderzucker, das Mehl und in Brösel gemischt worden war. Die darin gefundene Dosis hätte eine ganze Schulklasse auslöschen können. Der Arzt rief die Polizei. Milica hatte zwischenzeitlich ihrem Liebhaber alles gestanden. Sie selbst hatte mit dem Bleiweiß, das sie vom Arzt Dr. Julius Löwy erhalten hatte, eine Fehlgeburt ausgelöst. Aus Angst vor einem öffentlichen Eklat, versuchte Ernst Stülpnagel Milica zu decken. Doch die Beweise gegen Milica wurden immer schwerwiegender, so dass diese verhaftet und angeklagt wurde. Am 15. Dezember 1923 wurde sie von den Geschworenen für schuldig befunden, die aber eine Tötungsabsicht verneinten. Milica wurde wegen schwerer körperlicher Beschädigung zu 3,5 Jahren Kerker verurteilt. Dieses Urteil wurde in zweiter Instanz bestätigt. Aber auch diesmal musste Milica nicht die volle Kerkerstrafe absitzen, da sie durch einen Gnadenakt des Bundespräsidenten Michael Hainisch bereits 1925 wieder in Freiheit entlassen wurde. Während der Haft veröffentlichte sie 1924 das Buch „Weiberzelle 321, Tagebuch aus der Haft“. Nach ihrer Haftentlassung änderte Milica ihren Namen in Elisabeth Thury, um fortan als Journalistin für Zeitungen, die in engem Kontakt zur Sozialistischen Arbeiterpartei standen, zu arbeiten. Dies brachte ihr während der Herrschaft der Nationalsozialisten mächtig Ärger ein. Milica wurde am 1. September 1939 verhaftet. Nach einem Jahr Gestapohaft, wurde sie am 2. August 1940 ins Frauen-KZ Ravensbrück überliefert, wo sie zur Leiterin der Lagerpolizei und später sogar zur Lagerältesten aufstieg. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahm sie ihre Tätigkeit als Journalistin wieder auf. Sie setzte sich unermüdlich für die Gründung der „Austria Presseagentur“ ein, was ihr den Beinamen „Madame APA“ einbrachte. Milica wurde zu einer der einflussreichsten Journalistinnen Österreichs, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt war. Selbst im Pensionsalter wollte sie ihren Stuhl in der APA nicht räumen. Auch ihre Ehrenpension lehnte sie dankend ab. Bis zu ihrem Tod am 9. Juni 1973 war sie als Journalistin tätig. Am 19. Juni 1973 fand sie ihre letzte Ruhe auf dem Wiener Zentralfriedhof. Zwar hatte Milica unter dem Namen Elisabeth Thury eine faszinierende journalistische Karriere hingelegt, doch den Ruf als Giftmischerin wurde sie bis zu ihrem Lebensende und darüber hinaus nie los.
