Am 14. Oktober 1888 schrieb Louis Aimé Augustin Le Prince Geschichte, in dem er mit der „Roundhay Garden Scene“ den ersten Film der Geschichte schuf. Doch zwei Jahre später verschwand Le Prince auf mysteriöse Weise, der von Frankreich nach Amerika reisen wollte, um seine neue Kameratechnik zu promoten. Konnte dies ein Zufall sein? Fakt ist, dass heute Thomas Alva Edison und die Brüder Lumiére als die Pioniere des Films gelten, obwohl Le Prince lange vor diesen seinen ersten Film mit seiner Erfindung der Ein-Linsen-Kamera gedreht hatte. Seine bahnbrechenden Arbeiten im Bereich des bewegten Bildes blieben jedoch weitgehend unbeachtet, hauptsächlich aufgrund seines plötzlichen Verschwindens am 16. September 1890. Doch wer war dieser wahre Vater der Kinematographie, der nie den ihm verdienten Ruhm erlangte und was ist mit an jenem schicksalhaften Tag im September passiert? Steckte etwa Edison dahinter, um einen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen, was stets Le Prince Ehefrau Elizabeth behauptete oder hatte dieser aufgrund seiner immens hohen Schulden Selbstmord begangen? Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, werfen wir einen kurzen Blick in das Leben von Le Prince. Louis Aimé Augustin Le Prince wurde am 28. August 1841 in der französischen Stadt Metz geboren. Le Prince wuchs in einem Umfeld auf, das von Kunst und Wissenschaft geprägt war. Sein Vater, ein hochrangiger Artillerieoffizier, war eng mit Louis Daguerre, dem Erfinder des Daguerreotyps, befreundet. Diese Verbindung ermöglichte es dem jungen Le Prince, bereits in jungen Jahren Einblicke in die Welt der Fotografie und Chemie zu erhalten. Später studierte er Malerei in Paris und Chemie in Bonn und Leipzig, was ihm die notwendigen Fähigkeiten und das Wissen für seine späteren Erfindungen verlieh. Während seines Studiums in Leipzig freundete er sich mit dem englischen Studenten John Whitley an, dem er in die Industriestadt Leeds folgte, wo er in dessen Familienunternehmen als Ingenieur tätig war. Dort lernte er dessen Schwester Elizabeth kennen, die er 1869 heiratete. Le Prince Leidenschaft galt der Fotografie, der sich intensiv mit den Möglichkeiten von dieser beschäftigte. Gemeinsam mit seiner Frau gründete er 1876 eine Schule für angewandte Kunst, die bald für ihre innovativen Techniken bekannt wurde, Fotografien auf Metall und Keramik zu fixieren. Diese Arbeiten führten zu prestigeträchtigen Aufträgen, einschließlich Porträts von Queen Victoria. Doch seine wahre Leidenschaft galt der Bewegung im Bild. Das Ehepaar zog 1881 schließlich mit seinen Kindern nach New York, wo Le Prince nicht nur als Vertreter der Firma Whitley arbeitete, sondern mit Experimenten begann, die letztlich zur Entwicklung einer der ersten funktionalen Filmkameras führten. Zunächst hatte er eine Kamera mit 16 Linsen entwickelt, die 16 Bilder gleichzeitig aufnahm, aber durch die unterschiedlichen Perspektiven zu verwackelten Ergebnissen führte. Doch wenig später im Jahr 1888 schuf er mit seinem Ein-Linsen-Kamera-System und dem Eastman’s Papiernegativfilm eine bahnbrechende Erfindung. So konnte eine einzelne Linse zur Aufnahme bewegter Bilder auf einem Papierfilm genutzt werden. Am 14. Oktober 1888 nahm er die berühmte „Roundhay Garden Scene“ auf – die älteste erhaltene Filmaufnahme der Welt. Die Filmaufnahme dauerte nur ein paar Sekunden und zeigte Le Prince Sohn Adolphe, seine Schwiegereltern und eine junge Bekannte im heimischen Garten in Leeds. Dass seine Arbeiten tatsächlich vor denen von Größen wie Edison und den Lumière-Brüdern entstanden, ist unter Historikern unumstritten. Doch die Welt erfuhr davon wenig, da Le Prince kurz vor der geplanten Ausstellung seiner Filme verschwand. Am 16. September 1890 bestieg Le Prince gegen 14.42 Uhr einen Zug von Dijon nach Paris. Er befand sich auf dem Weg, um seine bahnbrechenden Erfindungen in den Vereinigten Staaten zu präsentieren. Doch er kam nie in Paris an. Trotz intensiver Suchmaßnahmen fand man weder ihn noch sein Gepäck je wieder. Dieses unerklärliche Verschwinden gab Anlass zu vielen Theorien: Einige vermuten, dass er ermordet wurde, womöglich im Zusammenhang mit Patentstreitigkeiten mit Thomas Edison. Andere behaupten, dass er Selbstmord begangen habe, um seinen finanziellen Problemen zu entkommen oder dass er gänzlich untertauchen wollte, möglicherweise aufgrund persönlicher Gründe. Eine spätere Untersuchung fand ein Foto eines unbekannten Ertrunkenen aus dem Jahr 1890 in der Seine, das eine frappierende Ähnlichkeit mit Le Prince aufwies. Zur gleichen Zeit, als Le Prince an seinen technologischen Durchbrüchen arbeitete, begann Thomas Edison, der in den USA bereits als Erfinder gefeiert wurde, mit seinen eigenen Experimenten im Bereich des Films. Edison meldete zahlreiche Patente an und trat massiv gegen jeden auf, der seinen Thron als Filmvater in Frage stellte. In einem solchen Fall um 1898 wurde Le Prince posthum eine entscheidende Rolle zugeschrieben: Seine Familie versuchte, Edisons Anspruch auf die Erfindung der Kinematographie durch Nachweise von Le Princes früherer Arbeiten zu widerlegen. Die Gerichte entschieden schließlich zugunsten Edisons, doch der Fall beleuchtete erneut die Leistungen von Le Prince, wenn auch zu spät. Obwohl Le Prince zu Lebzeiten nicht die Anerkennung erhielt, die er verdiente, wurde sein Vermächtnis nach und nach ans Licht gebracht. In Leeds, seiner Wahlheimat, wird er heute als Pionier der Filmgeschichte geehrt. Eine Gedenktafel an der Woodhouse Lane erinnert an seine Errungenschaften. Die Universität von Leeds widmete ihm ein Zentrum für Film- und Fernsehwissenschaften, und seine Filme wurden restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In der breiten Öffentlichkeit hingegen blieb Le Prince lange Zeit unbekannt, bis Historiker und Filmemacher begannen, seine Geschichte neu zu erzählen. Dokumentarfilme und Dramen inspiriert von seinem Schicksal, wie „The Missing Reel“ und „The First Film“, haben dazu beigetragen, Le Prince die Anerkennung zu verschaffen, die ihm zusteht. Die Geschichte von Louis Le Prince ist mehr als nur die eines Erfinders, dessen Arbeiten unbemerkt blieben. Sie ist ein spannendes Mysterium, das mit den Themen von Ehrgeiz, Intrige und Tragödie verflochten ist. Während die Welt Thomas Edison und den Brüdern Lumière als Pioniere des Films huldigt, bleibt Le Prince im Schatten, eine tragische Figur, deren Potenzial nie vollständig erkannt wurde. Heute jedoch, mehr als ein Jahrhundert nach seinem rätselhaften Verschwinden, erkennt die Welt zunehmend seinen Beitrag zur Entwicklung des Films als Kunstform an. Die wahre Geschichte von Louis Le Prince erzählt nicht nur von einem erfinderischen Genie, sondern auch von den Tücken der Anerkennung und dem unermüdlichen Streben nach Innovation, die allzu menschlich ist.
