In den düsteren Straßen von Newtown, einem Vorort von Sydney, spielte sich in den frühen 1950er Jahren ein mörderisches Drama ab. Es war die Zeit, in der eine scheinbar unschuldige Hausfrau und Mutter zwei eiskalte Morde beging, die ganz Australien erschütterten und die Behörden dazu zwangen, die Vorkehrungen zum Verkauf von Giftmitteln drastisch zu überdenken. Dies ist die Geschichte von Yvonne Gladys Fletcher, die als „Teufelsengel“ in die Annalen der australischen Kriminalgeschichte einging. Yvonne Gladys Fletcher wurde 1922 geboren und führte zunächst ein scheinbar normales Leben. Doch hinter der Fassade eines normalen Familienlebens verbarg sich ein düsteres Geheimnis. Am 29. Juli 1948 starb ihr erster Ehemann, Desmond George Butler, im Alter von nur 30 Jahren unter mysteriösen Umständen. Über 9 Monate lang hatte er höllische Qualen gelitten. Im November 1947 erkrankte Desmond, dessen Symptome einer Magen-Darm-Infektion oder schweren Grippe ähnelten. Er litt unter schlimmen Magenkrämpfen, lähmenden Beinen, Haarausfall und massiver Beeinträchtigung seiner kognitiven Fähigkeiten. Es schien als würde Desmond langsam verrückt werden. Desmond hatte oft so starke Schmerzen, dass seine Schreie aus dem kleinen Reihenhaus in der Ferndale Street 57 in Newtown auch seine Nachbarn hörten. Er wurde schließlich ins Royal Pride Alfred Hospital eingeliefert. Doch die Ärzte waren ratlos, die bald glaubten, dass seine körperlichen Symptome von einer schweren Depression herrühren könnten, weshalb er in die psychiatrische Klinik Callan Park in Lilyfield eingewiesen wurde. Doch Desmonds Zustand verschlechterte sich zusehends, der einen Monat vor seinem Tod wieder nach Newtown zurückgeschickt wurde. Desmond verstarb schließlich am 29. Juli 1948. Die Todesursache konnte damals nicht eindeutig geklärt werden. Doch es war ein offenes Geheimnis, dass Yvonne froh darüber war, dass ihr Ehemann das Zeitliche gesegnet hatte, da er ihre gesamten Ersparnisse versoffen und ständig Affären mit anderen Frauen hatte. Fast vier Jahre später, am 23. März 1952, erlag auch ihr zweiter Ehemann, Bertrand „Bluey“ Fletcher, ebenfalls 30 Jahre alt, an einer vergleichbaren Krankheit wie damals Desmond. Beide Männer starben an den Folgen einer Thallium-Vergiftung, was jedoch zunächst niemand ahnte. Nach dem Tod von Bertrand Fletcher wurden Verdachtsmomente laut. Freunde, Nachbarn und Ärzte bemerkten die frappierende Ähnlichkeit der Symptome beider Ehemänner. Außerdem war bekannt, dass Yvonne in ihrer Ehe unglücklich war, da Bertrand ihr und seinen beiden Stiefkindern Ray und Ellen gegenüber gewalttätig war. Das Ehepaar stritt sich oft lautstark und nachdem Bertrand erkrankt war, hatte er gegenüber Bekannten den Verdacht geäußert, dass Yvonne sein Toastbrot sowie seine Thermoskanne, die er mit zur Arbeit nahm, mit Gift versehen hatte. Dies veranlasste die Polizei zu einer gründlichen Untersuchung. Unter der Leitung von Detective Fred Krahe, der später selbst mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung gebracht wurde, exhumierten die Behörden die Leichen der Ehemänner und ließen sie auf Thalliumspuren untersuchen. Die Tests bestätigten den Verdacht: Beide Männer waren vergiftet worden. Am 19. Mai 1952 wurde Yvonne Fletcher schließlich festgenommen und vor Gericht gestellt. Sie wirkte während des Prozesses gefasst, bis das endgültige Strafmaß verkündet wurde. Der Prozess gegen Yvonne Fletcher begann im September 1952. Der Richter Kinsella führte den Vorsitz und betonte die Schwere des Verbrechens. In seiner Eröffnungsrede an die Jury sagte der Kronanwalt, Herr Rooney, dass Frau Fletcher bereits 1947 damit begonnen hatte, ihrem ersten Ehemann Thallium zu verabreichen. Im Laufe des Prozesses kam ans Licht, dass Fletcher ihren zweiten Ehemann auf ähnliche Weise vergiftet hatte, nachdem sie das Thallium von ihm erhalten hatte – ironischerweise in seiner Eigenschaft als professioneller Rattenköderhersteller. Am 23. September 1952 befanden die Geschworenen Yvonne Fletcher nach vierstündiger Beratung für schuldig. Die grausamen Details der langsamen und qualvollen Vergiftung ihrer Opfer erschütterten die Jury und die Öffentlichkeit gleichermaßen. Bei der Verkündung, dass Yvonne zum Tode verurteilt wurde, brach sie in Tränen aus und kollabierte beinahe im Gerichtssaal. Thallium, ein hochgiftiges Schwermetall, war in den frühen 1950er Jahren noch relativ leicht zugänglich. Es wurde oft zur Bekämpfung von Rattenplagen eingesetzt, die insbesondere in dichter besiedelten Stadtgebieten wie Newtown ein großes Problem darstellten. Thallium ist farblos, geruchlos und geschmacklos, was es zu einem bevorzugten Gift für kriminelle Aktivitäten machte. Es verursacht neurologische Schäden, Haarausfall, starke Schmerzen und führt schließlich zum Tod. Die Untersuchung der Morde durch Yvonne Fletcher führte schließlich dazu, dass der Verkauf von Thallium an die Öffentlichkeit verboten wurde. Nach der Abschaffung der Todesstrafe in New South Wales wurde Yvonnes Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Schließlich wurde sie 1964 nach nur zwölf Jahren Haft entlassen, was viele Menschen als zu milde Strafe für ihre abscheulichen Taten empfanden. Yvonne heiratete erneut und führte fortan ein zurückgezogenes Leben. Ihre Kinder wurden nach ihrer Verurteilung in staatliche Obhut gegeben. Die Fletcher-Fälle sind nicht nur ein düsteres Kapitel der kriminalistischen Historie, sondern sie werfen auch ein grelles Licht auf die gesellschaftlichen Umstände jener Zeit. Die Tatsache, dass Yvonne Gladys Fletcher ihr Gift unbehelligt kaufen und benutzen konnte, zeigt die damaligen Mängel im Umgang mit gefährlichen Substanzen. Ihre Geschichte fungierte als Katalysator für strengere Kontrollen und brachte notwendige Änderungen in der Handhabung solcher Gifte mit sich. Yvonne Gladys Fletcher bleibt eine faszinierend erschreckende Figur in der Geschichte Australiens. Ihre Fähigkeit, scheinbar ohne Gewissensbisse ihre eigenen Ehemänner zu ermorden, erschüttert noch heute. Ihre Geschichte erinnert uns daran, dass das Böse oft in den am wenigsten erwarteten Gestalten daherkommt und dass das Ausmaß menschlicher Grausamkeit keine Grenzen kennt. Yvonne Gladys Fletcher weilt schon lange nicht mehr unter uns, doch ihre Taten bleiben in Erinnerung – als warnendes Beispiel dafür, wie Gift nicht nur Körper, sondern auch Seelen zerstören kann.
