Ein ungeklärtes Verschwinden erschütterte im Jahr 1961 ganz Amerika. Die damals 31 Jahre alte Joan Carolyn Risch, eine zweifache Mutter, die eine Bilderbuchehe führte, verschwand unter mysteriösen Umständen am 24. Oktober 1961 aus ihrem Haus in Lincoln im Bundesstaat Massachusetts. Ihr spurloses Verschwinden hinterließ viele Fragen und Geheimnisse, die bis heute ungelöst sind. An jenem schicksalhaften Nachmittag alarmierte eine Nachbarin die Polizei, nachdem sie eine Blutspur entdeckte, die vom Haus der Familie Risch zur Auffahrt führte. Diese Entdeckung machte sie, nachdem die Tochter von Joan, die 4 Jahre alte Lillian, von einem Spielbesuch nach Hause kam und ihre Mutter nicht vorfand. Mehrere unbestätigte Sichtungen einer desorientierten Joan in den nahegelegenen Straßen wurden später am selben Tag gemeldet. Blut, das Joans Blutgruppe Typ 0 entsprach, fand sich verschmiert in der Küche. Zunächst gingen die Ermittler von einer Entführung aus, zumal Joans 2 Jahre alter Sohn David sicher schlafend in seinem Zimmer gefunden wurde. Doch dann stellte sich heraus, dass Joan in der Zeit vom 20. April 1961 bis zu ihrem Verschwinden im Oktober 1961 in der Bibliothek in Lincoln mehrere Bücher über ungelöste Mordfälle und Vermisstenfälle ausgeliehen hatte, darunter eines mit auffälligen Parallelen zu ihrem eigenen Fall. Dies ließ viele spekulieren, ob sie ihre eigene Entführung inszeniert haben könnte, vielleicht um einem unangenehmen häuslichen Leben zu entfliehen. Andere Theorien vermuten, dass Joan Opfer eines Unfalls auf der nahegelegenen Baustelle der Massachusetts Route 128 geworden sein könnte oder sie heimlich eine Abtreibung vorgenommen hatte, die schief ging. Fakt ist, dass Joan seit jenem Tag im Oktober verschwunden blieb. Joan wurde am 12. Mai 1930 als Tochter von Harold und Josephine Bard in Brooklyn geboren. Als Joan 9 Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach New Jersey. Nur 1 Jahr später kamen ihre Eltern in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1940 bei einem verdächtigen Brand ums Leben. Joan selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt zu Besuch bei ihrer Oma. Nach dem Tod von Joans Eltern zog sie zu Verwandten nach New Rochelle. Ihre Tante und deren Ehemann adoptierten sie, und Joan nahm deren Nachnamen Nattrass an. Später berichtete sie einer Bekannten, sie sei in ihrer Kindheit von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht worden, was nie nachgewiesen wurde. Nach ihrem Abschluss ihres Studiums der Anglistik am Wilson College in Chambersburg, das sie 1952 mit Auszeichnung absolvierte, arbeitete Joan im Verlagswesen bei Harcourt, Brace & World in New York City. Sie begann als Sekretärin, stieg jedoch schnell auf und wurde schließlich Redaktionsassistentin, die später zum Verlagswesen bei Crowell-Collier Publishing wechselte. Im Jahr 1954 lernte die 1,70 Meter große Joan, die blaue Augen und kurze braune Haare hatte, Martin Risch bei einem Footballspiel in Havard kennen und lieben. Im Dezember 1955 ging sie mit Martin Risch den Bund fürs Leben ein. Nach der Heirat zog sich Joan aus dem Berufsleben zurück, um eine Familie in Ridgefield zu gründen. Im Mai 1957 wurde ihre Tochter Lillian geboren. Zwei Jahre später erblickte ihr Sohn David das Licht der Welt. Joan war eine hingebungsvolle Mutter und liebende Ehefrau. Im April 1961 zog die Familie nach Lincoln in das Haus in der Old Bedford Road. Während Martin als leitender Angestellter bei der Fitchbury Paper Company arbeitet, kümmerte sich Joan um die Kinder und den Haushalt, die sich gut in die neue Umgebung einlebte und sich mit ihrer Nachbarin Barbara Barker anfreundete. Joan engagierte sich außerdem als aktives Mitglied im Frauenwahlverein, die Lehrerin werden wollte, wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus wären. Die kleine Familie wirkte glücklich, die nun schon ein halbes Jahr in Lincoln lebte, bis es zu jenem tragischen Tag im Oktober kam, der alles änderte. Am Morgen des 24. Oktobers fuhr Martin mit seinem Auto gegen 6.50 Uhr zum Logan International Airport, um einen 8 Uhr Flug nach New York City zu nehmen, wo er einen Geschäftstermin hatte. Sein Rückflug war für den nächsten tag geplant. Während Martin auf dem weg zum Flughafen war, bereitete Joan wie jeden Tag für die beiden Kinder das Frühstück zu. Danach brachte sie ihren Sohn David zu ihrer Nachbarin Barbara Barker im gegenüberliegenden Haus, bevor sie mit Lillian zu einem Zahnarzttermin nach Bedford mit ihrem blauen Chevrolet Baujahr 1951 fuhr. Nach einem kurzen Einkaufsbummel kehrten sie gegen 11 Uhr nach Hause zurück. In der Zwischenzeit hatte der Milchmann die tägliche Milch geliefert und der Postbote, die Post zugestellt. Beide bemerkten nichts Ungewöhnliches am Haus der Rischs. Joan wechselte ihre Kleidung und holte David bei ihrer Nachbarin ab. Gegen 11.15 Ur klingelte ein Reinigungsmann bei Joan, um Martins Anzüge mitzunehmen. Er sagte später, dass Joan und die beiden Kinder bester Laune waren. Danach bereitete Joan das Mittagessen zu. Anschließend legte sie David zum Mittagsschlaf hin. Gegen 13.20 Uhr brachte ihre Nachbarin Barbara Barker ihren Sohn Douglas zum Spielen vorbei. Kurz vor 14 Uhr ging Joan mit Douglas und Lillian zur Schaukel im Vorgarten der Barkers. Danach ließ sie beide allein dort zurück, ohne Barbara Bescheid zu sagen. Den beiden Kindern erzählte sie, dass sie bald wieder zu ihnen zurückkehre. Als Barbara die beiden Kinder im Vorgarten bemerkte, holte sie diese ins Haus. Gegen 14.15 Uhr beobachtete sie von ihrem Küchenfenster aus, wie Joan mit einem grauen Trenchcoat bekleidet das Haus verließ. Joan wirkte benommen, die mit ausgestreckten Armen in Richtung Garage ging. Es schien ihr, als ob sie einem Kind mit roter Jacke hinterherjagte. Etwa eine Stunde später entdeckte die 13 Jahre alte Virginia Keene, eine Nachbarstochter, ein fremdes, verschmutztes Auto der Automarke General Motors in der Nähe des Risch-Hauses. Um 15.45 Uhr begleitete Barbara Lillian zu ihrem Elternhaus hinüber. Da Joans Auto in der Hofeinfahrt parkte, ließ sie Lillian im Vorgarten zurück. Barbara fuhr danach mit ihren Kindern weg, um Besorgungen zu machen. Währenddessen gelangte Lillian durch eine nicht abgeschlossene Seitentür ins Haus. Sie suchte ihre Mutter, die nirgends zu finden war. Als sie David weinen hörte, ging sie zu ihm ins Kinderzimmer. Sie tröstete David. Als Barbara gegen 16.15 Uhr vom Einkaufen zurück gekehrt war, lief Lillian zu ihr. Sie erzählte Barbara, dass sie ihre Mutter nicht finden könne und überall im Haus rote Farbe sei. Barbara fackelte nicht lange und ging zum Risch Haus, um nach dem Rechten zu sehen. Als sie das Blut in der Küche sah, alarmierte sie gegen 16.33 Uhr die Polizei. Nur 5 Minuten später traf Sergeant Mike McHugh am Tatort ein. Die Ermittlungen waren komplex. In der Küche fanden sich blutige Schmierereien, ein umgeworfener Tisch und ein abgerissener Telefonhörer, was zunächst auf einen Kampf hindeutete. Weitere Blutspuren führten aus dem Haus zur Auffahrt und zu Joans Auto. Dennoch ergab die Untersuchungen, dass die Blutmenge keinen lebensbedrohenden Verlust darstellte. Es schien fast so, als hätte jemand versucht, die Verletzung viel bedrohlicher aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit war. Außerdem wurden 3 Fingerabdrücke und ein Teil eines Handabdrucks sichergestellt, die keiner der im Haus lebenden Personen gehörte. Die Polizei glich bis 1993 diese Abdrücke mit denen von 5.000 Personen ab, doch es gab keine Übereinstimmung. Weitere Berichte von Zeugen lieferten unterschiedliche Hinweise. Einige sahen eine Frau, die Joans Beschreibung entsprach, blutend und scheinbar desorientiert entlang der Massachusetts Route 2A sowie der Route 128 herumlaufen. Andere Sichtungen bezogen sich auf ein fremdes Auto und einen Mann, der im Bereich des Hauses der Risches unterwegs gewesen sein soll. Obwohl das Blut im Haus auf Joans Blutgruppe O hinwies, konnten die Ermittler nicht klar feststellen, ob und wie sie verletzt worden war und ob es tatsächlich von ihr stammte. Zudem war unklar, wie die Blutspuren entstanden waren. Mitten in der Küche wurde ein Mülleimer, der normalerweise unter der Spüle stand, entdeckt. In diesem befand sich eine leere Whiskeyflasche, mehrere Bierflaschen und der herausgerissene Telefonhörer. Martin sagte später, dass er und Joan die Whiskey-Flasche am Vorabend geleert hatten und die Bierflaschen wohl von einem früheren Besuch mit Gästen stammten. Das Telefonbuch war zudem auf einer Seite aufgeschlagen, auf der Notrufnummern notiert werden konnten, aber es gab keinerlei Einträge. Außerdem lag Joans Handtasche samt Geldbeutel, Schminke und Schlüssel im Haus. Auch das Abendessen stand vorbereitet im Kühlschrank. Darüber hinaus hatte Joan am Morgen beim Zahnarztbesuch einen neuen Termin für nächste Woche vereinbart. Nichts ließ darauf schließen, dass schon ihr altes Leben hinter sich lassen wollte, oder hatte sie dies alles inszeniert, um ungestört irgendwo ein neues Leben zu beginnen? Die Kernfrage war, was mit Joan passiert war? Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Ein Spürhund wurde eingesetzt, der Joans Fährte nur bis in den Hof und zum Haus der Barkers verfolgen konnte. Die Ermittler klapperten zudem sämtliche Krankenhäuser ab. Doch auch hier gab es keine Person, die dort eingeliefert worden war, die auf Joans Beschreibung passte. Die Suche erschien wie verhext, wie konnte eine Frau einfach so von der Bildfläche verschwinden, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. Selbst das FBI, das eingeschaltet wurde, war ratlos. Die Geschichte nahm eine Wendung, als eine Lokalreporterin entdeckte, dass Joan Bücher über fiktive Vermisstenfälle ausgeliehen hatte, die auffällige Ähnlichkeiten zu ihrem eigenen Fall aufwiesen. Dies verstärkte die Theorie, dass sie ihr Verschwinden möglicherweise geplant hatte, um einem unzufriedenen Leben zu entkommen. Eine Freundin von Joan, Sabra Morton, widersprach dieser Theorie und betonte, wie glücklich Joan mit ihrem Leben als Hausfrau war, die nie ihre Kinder zurückgelassen hätte. Eine andere Theorie besagt, dass sie auf der Route 128 starb, als sie in eine Baustellengrube fiel, wo sie nicht mehr herauskam, die später zugeschüttet wurde. Joans Ehemann Martin glaubte, dass seine Ehefrau vielleicht einen Nervenzusammenbruch erlitten habe, der eine Art Amnesie hervorgerufen habe und Joan sich an nichts mehr erinnern könne. Eine weitere Spekulation war, dass Joan eine Abtreibung im Haus vorgenommen habe. Die Suche nach konkreten Hinweisen verlief im Sande und trotz zahlreicher Theorien gibt es bis heute keine endgültige Erklärung für Joans Verschwinden. Es gab einen Verdächtigen. Dieser war Robert Forster, der Mitarbeiter des National Park Service war und im Zuge eines Denkmalschutzprojektes Klinkenputzen war. Einige Frauen behaupteten, er sei viel zu lange bei ihnen geblieben. Joan hatte er einen Monat vor ihrem Verschwinden besucht. Aber auch diese Spur lief ins Leere. Ihr Ehemann Martin lebte bis 1975 im Haus, das der National Park Service erwarb, um das Gebiet für ein Parkprojekt zu erschließen. Martin sprach nur selten über den Fall und glaubte bis zu seinem Tod im Jahr 2009 daran, dass Joan noch leben könnte, eventuell an Amnesie leidend und irgendwann zu ihm zurückkehren würde, was jedoch nie geschah. Trotzdem heiratete Martin nie mehr. Auch der leitende Ermittler Leo Algeo verfolgte den Fall bis zu seinem Tod weiter, ohne eine Lösung zu finden. Joan Carolyn Risch bleibt bis heute verschwunden, und ihr Fall ist eines der faszinierendsten ungelösten Mysterien Amerikas.
