Das ein Kind seine Eltern ermordet, ist zwar ein seltenes Phänomen, das weltweit nur 1 bis 5 Prozent aller Tötungsdelikte ausmacht, aber es kommt vor. Einer, der Parentizid beging, der Fachausdruck für Elternmord, war der erst 16 Jahre alte Joseph Apfelböck aus dem Münchner Stadtteil Haidhausen. Dieser ermordete nicht nur 1919 seine Eltern mit einer kleinkalibrigen Pistole, sondern er lebte nach deren Ermordung drei Wochen gemeinsam mit diesen in der Wohnung. Doch der Reihe nach. Am 18. August 1919 erstattete der Schreiner Josef Holmer zusammen mit dem Konditorlehrling Josef Zelmer auf der Wache der Schutzmannschaft des 15. Münchner Stadtbezirkes Truding-Riem Anzeige, da aus der Wohnung der Eheleute Josef und Maria Apfelböck in der Lothringergasse 11 ein entsetzlicher Gestank drang, der nach Verwesendem roch. Daraufhin fuhren die Polizeibeamten zum Mietshaus. Als sie das Treppenhaus betraten, stieg ihnen schon der bestialische Geruch in die Nase. Da niemand nach mehrmaligen Läuten die Wohnungstür aufmachte, öffneten die Polizeibeamte diese gewaltsam. Als sie die Wohnung betraten, entdeckten sie dort die Leichen von Josef und Maria Apfelböck. Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass die Hausbewohner das Ehepaar schon seit drei Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten. Nachdem der Gestank unerträglich geworden war, sprachen sie den 16 Jahre alten Sohn Josef an, der diesen auf verfaultes Fleisch schob. Um seine Aussage zu bekräftigen, hingen auf dem Balkon die Eingeweide und die Haut eines Stallhasen. Ferner kam ans Licht, dass die Hausbewohner mehrmals gesehen hatten, dass Josef auf dem Balkon übernachtet hatte. Nachdem Josef abermals vom 18. auf den 19. August auf dem Balkon geschlafen hatte und er gegen 6 Uhr morgens seinen Onkel Karl Apfelböck aufsuchte, klickten die Handschellen. Denn Josef galt als dringend tatverdächtig, seine Eltern ermordet zu haben. Auf dem Polizeirevier wurde Josef verhört, der zunächst alles abstritt. Doch irgendwann knickte der Teenager ein und legte ein vollständiges Geständnis ab. Am 29. Juli 1919 hatte er seine Mutter gegen 20 Uhr mit einem Schuss aus der Flobertpistole erschossen. Der banale Grund war, dass diese ihm verboten hatte, sich für eine Stelle als Filmvorführer im Kino zu bewerben. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt nicht Zuhause gwesen. Nachdem Mord durchsuchte er die Leiche seiner Mutter nach Geld und Wertgegenständen. Als sein Vater von Waldarbeiten in Hohenbrunn in die Wohnung zurückgekehrt war, schoss er diesen erst an, bevor er ihm ein Messer mehrfach in den Körper rammte. Auch seine Leiche tastete er nach Geld und anderen Wertgegenständen ab. Kurios war, dass Josef nachdem Mord an seinen Eltern sogar Besuch von seinen Freunden Josef Zelmer und Johann Gerbl empfangen hatte. Am 25. November 1919 wurde Josef Apfelböck von dem Volksgericht München am Mariahilfplatz zu 15 Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Dies war die Höchststrafe für Jugendliche. Am 20. Dezember 1919 trat Josef seine Strafe im Strafvollstreckungsgefängnis Landsberg am Lech an. Dort machte er eine Ausbildung zum Schneider. Nachdem er seine Strafe verbüßt hatte, kehrte er in die bayerische Landeshauptstadt München zurück, wo er es tatsächlich schaffte, ein ganz normales Leben zu führen, ohne wieder straffällig zu werden. Der berühmte Autor Bertold Brecht nahm den Kriminalfall für seine Ballade „Apfelböck oder die Lilie auf dem Felde“ als Vorlage. Ebenfalls thematisierte er den Fall in der Erzählung „Die Erleuchtung“. Auch der Schriftsteller Robert Hültner erwähnte den Fall in seinem Kriminalroman „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski.“
