Im Jahr 1849 erregte ein grausames Verbrechen in London die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und hinterließ einen bleibenden Eindruck in der Geschichte. Marie Manning, eine geborene de Roux, kam 1821 in der Schweiz zur Welt und emigrierte später nach Großbritannien. Dort arbeitete sie als Hausmädchen bei der wohlhabenden Lady Blantyre in Stafford House in London. Das luxuriöse Leben, das sie im Hause ihrer Arbeitgeberin führte, verstärkte ihren Wunsch, nie in Armut leben zu müssen. Ihr Leben nahm eine dramatische Wendung, als sie sich zwischen zwei Männern entscheiden musste. Auf der einen Seite gab es den wesentlich älteren Iren Patrick O’Connor, ein wohlhabender, aber trinkfreudiger Zollbeamter in den Londoner Docks, und Frederick George Manning, ein einfacher Angestellter der Great Western Eisenbahngesellschaft. Marie heiratete schließlich den jüngeren Frederick am 27. Mai 1847 in der St.-James-Kirche in Piccadilly. Doch mit der Zeit merkte sie, dass Frederick nicht den versprochenen Reichtum mitbrachte, der aufgrund des Verdachts von Raubüberfällen seinen Job bei der Eisenbahn verlor. In Verbindung mit Patrick O’Connor stehend, der ihr finanziell weit überlegen schien, offenbarte sich eine tiefe innere Zerrissenheit. Marie entschloss sich, um jeden Preis an Patrick O’Connors Vermögen zu gelangen. Ihre Gedanken über die finanzielle Sicherheit führten schließlich zu einem teuflischen Plan, um Patrick ums Eck zu bringen. Am 8. August 1849 lud Marie Patrick zum Abendessen in ihr Haus in der Miniver Place 3 im Londoner Stadtteil Bermondsey ein, jedoch scheiterte ihr Vorhaben, da er in Begleitung eines Freundes erschien. Über Nacht schmiedete sie einen neuen Plan und lud ihn für den nächsten Abend erneut ein, diesmal kam er allein. Als Patrick eintraf, bot sie ihm an, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, da er zuvor geraucht hatte. Als Patrick im Untergeschoss sich die Hände waschen wollte, ergriff Marie die Gelegenheit und schoss ihm in den Kopf. Doch der Schuss war nicht tödlich. Frederick, der von Maries verzweifeltem Plan gewusst hatte, und aus Eifersucht und Angst um sein eigenes Wohl handelte, vollendete schließlich das Verbrechen, indem er Patrick O’Connor mit einem Meißel erschlug. Die beiden verscharrten den Leichnam in einem zuvor gegrabenen Grab unter den Küchenfließen, getarnt durch die Verwendung von Kalk, das sie für die Zersetzung des Körpers verantwortlich war. Danach nahmen sie in der Küche ihr Abendessen ein. Am nächsten Tag betraten Patrick O’Connors Kollegen das Haus der Mannings auf der Suche nach diesem. Marie konnte sie überzeugen, dass sie Patrick O’Connor nach dem Abendessen nicht mehr gesehen hatte. Marie besuchte danach Patricks Unterkünfte in der Greenwood Street und der Mile End Road, wo sie dessen Geld und Aktienpapiere entwendete. Wenige Tage später, am 13. August 1849, floh das Ehepaar aus London. Marie reiste nach Edinburgh, wo sie versuchte die Aktien an eine Maklerfirma zu Geld zu machen, während Frederick ins Ausland floh. Währenddessen wurde die Polizei auf Patrick O’Connors Verschwinden aufmerksam. Der Verdacht nach der Aussage des Hauswirts, der die Polizei nach der plötzlichen Flucht der Mannings verständigt hatte, fiel auf diese. Am 17. August 1849, eine Woche nach dem Verschwinden von Patrick O’Connor, fanden die Ermittler schließlich die Leiche von Patrick O’Connor unter den Fließen des Küchenfußbodens. Die Mannings wurden rasch gefasst. Marie in Edinburgh und Frederick in Jersey. Die Motive hinter dem Verbrechen wurden schnell entlarvt: Gier und der verzweifelte Wunsch, dem Elend zu entkommen. Maries Dominanz über Frederick, gepaart mit ihrer Unbekümmertheit über die moralischen Konsequenzen ihrer Taten, machte dieses Verbrechen besonders schockierend, was von den Medien den Namen „The Bermondsey Horror“ erhielt. Während der Gerichtsverhandlung vor dem Old Bailey am 25. Oktober 1849 versuchten beide Angeklagten, die Schuld dem anderen in die Schuhe zu schieben, ahnend, dass ihre Zukunft am seidenen Faden hing. Die Jury befand das Ehepaar nach 2 Tagen des heimtückischen Mordes an Patrick O’Connor für schuldig. Nach dem Prozess verbrachten sie etwas mehr als zwei Wochen in der Todeszelle des Horsemonger Lane Gaol Gefängnisses, wo Marie verzweifelt versuchte, sich das Leben zu nehmen. Die dramatische Kulisse des Henkers, William Calcraft, und das öffentliche Interesse, das die Hinrichtung der Mannings umwehte, erzeugten eine groteske Atmosphäre. Am Morgen des 13. November 1849 sollte das Ehepaar vor mehr als Zehntausenden von Zuschauern hingerichtet werden. Ein Spektakel, das sowohl die Armen als auch die Reichen gleichermaßen anzog. Es war seit 1700 das erste Mal das Ehemann und Ehefrau zusammen hingerichtet wurden und das unter den Augen von 30.000 bis 50.000 Menschen, der größten Menschenmasse, die jemals einer öffentlichen Hinrichtung in Großbritannien beigewohnt hat. Die Hinrichtung selbst wurde mit einer gewissen Leichtigkeit beschrieben, die sowohl erschreckend als auch faszinierend war. Marie, gekleidet in ein elegantes schwarzes Kleid, und Frederick, dessen Trauer und Schwäche offensichtlich waren, schritten zur Hinrichtungsstätte. Die Menschenmenge fieberte dem Moment entgegen, und als die Falltür sich öffnete, starben die beiden in verschiedenen Weisen – Frederick fast ohne Kampf und Marie kämpferisch bis zum Ende. Charles Dickens, der berühmte Schriftsteller, beobachtete die Hinrichtung und äußerte seine Abscheu über die grausame Sensationsgier der Menge in der Times. Er prangerte den Enthusiasmus und die Gleichgültigkeit der Zuseher an und verurteilte die öffentlichen Hinrichtungen, die erst 1868 abgeschafft wurden. Die tragische Geschichte von Marie und Frederick Manning zeigt nicht nur die dunklen Seiten der menschlichen Natur, sondern spiegelt auch die moralischen Ambivalenzen und die voyeuristische Sensibilität des viktorianischen Englands wider. Am Ende bleibt die Frage, wie die Gesellschaft mit Schuld und Strafe umgeht und welche Rolle Gier und Verführung im menschlichen Leben spielen können. Die Mannings sind nicht nur eine Fußnote in der Geschichte, sondern auch ein Spiegelbild der inneren Konflikte, die zu tödlichen Entscheidungen führen können.
