Die schimmernden Lichter und die benebelten Gassen von Virginia City im US-Bundesstaat Nevada, verbargen in den 1860er Jahren nicht nur die Glücksritter, die auf den Silberfund der Comstock Lode hofften, sondern auch dunkle Geheimnisse. Eines davon dreht sich um die berüchtigte Julia Bulette, eine Frau von zweifelhaftem Ruf und bemerkenswerter Berühmtheit, deren grausame Ermordung die Gemüter damals wie heute bewegt. Julia Bulette, geboren etwa 1832 in London oder Mississippi – darüber streiten sich die Historiker noch – kam Anfang der 1850er Jahre nach Amerika, wo sie angeblich einen Mann namens Smith heiratete, jedoch ging die Ehe kurz nach der Heirat in die Brüche. Seitdem schlug sich Julia allein durchs Leben, die nach einem kurzen Intermezzo in New Orleans, 1852 nach Kalifornien zog. Ihr Leben finanzierte Julia, in dem sie sich in den Bergbauregionen in ganz Kalifornien prostituierte, bis sie sich im Alter von 27 Jahren schließlich in Virgina City im US-Bundesstaat Nevada niederließ. Diese Stadt war vom Goldrummel geprägt, und Julia Bulette wurde schnell zu einer berühmten Figur in dieser rauen Siedlung. Mit ihrer Schönheit, ihrer faszinierenden Persönlichkeit und einer Prise Wagemut verschaffte sich Julia schnell einen festen Platz im Herzen vieler Männer der Stadt. Diese empfing Julia in ihrem kleinen Holzhaus in der North D Street 4, das sie nicht nur geschmackvoll einrichtete, sondern das auch für seine hervorragende Bar mit Whiskey, Portwein, Rum und Bordeaux bekannt war, was es schnell zum bekanntesten Bordell der Stadt werden ließ, das einflussreiche Männer besuchten. Julia avancierte schnell zur Königin des Rotlichtviertels, die besonders die städtische Feuerwehr unterstützte, weshalb sie am 4. Juli 1861 bei der Parade zum Independence Day öffentlich die Ehrenmitgliedschaft der „Virginia Fire Company No. 1“ verliehen bekam, was für eine Frau ihres Gewerbes beispiellos war. Die Feuerwehrmänner sahen in ihr mehr als nur eine Prostituierte; sie war eine Freundin, eine Unterstützerin und ein Symbol des ungebändigten Geistes dieser Goldgräberstadt. Denn nachdem 1859 eine riesige Silberader, die sogenannte Comstock Lode entdeckt worden war, löste dies einen wahren Silberrausch aus, die Boomtown Virgina City entstehen ließ. Doch das glamouröse Leben von Julia Bulette endete abrupt am 20. Januar 1867. Noch einen Tag zuvor hatte Julia eine Vorstellung im Piper´s Opera House besucht, wo sie jedoch in einer separaten Loge mit fest zugezogenen Vorhängen Platz nehmen sollte, damit die „anständigen“ Frauen, die Sexarbeiterin nicht sehen mussten. Dies war Julia jedoch zuwider, die sich weigerte sich dort hinzusetzen, weshalb sie aus dem Theater eskortiert wurde. Empört ging Julia nach Hause und aß zu Abend. Als am nächsten Morgen ihre Nachbarin Gertrude Holmes ihr das Sonntagsfrühstück bringen wollte, fand sie Julia leblos in ihrem Haus vor. Der Anblick war entsetzlich: Julias Körper war teilweise nackt, ihre Haut war blass und Blutergüsse waren an ihrer Kehle zu sehen. Zeugenberichten zufolge war sie mit einem Pistolengriff geschlagen, mit Feuerholz blutig geprügelt und anschließend erdrosselt worden. Von ihren Habseligkeiten fehlte jede Spur, was zunächst auf einen Raubmord hindeutete, doch die Grausamkeit der Tat ließ die Vermutung aufkommen, dass mehr dahinterstecken musste. Die Nachricht von ihrem Tod verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Innerhalb weniger Stunden war die ganze Stadt in Aufruhr. Die lokalen Zeitungen berichteten ausführlich über den Mord und spekulierten über die möglichen Täter und Motive. Die „Territorial Enterprise“, eine der führenden Zeitungen der Region, veröffentlichte detaillierte Berichte, die das Bild von Julia Bulette als legendenumwobene Figur weiter festigten. Ihren letzten großen Auftritt hatte Julia Bulette bei ihrer eigenen Beerdigung, die am 21. Januar 1867 im Feuerwehrhaus Nr. 1 stattfand. Trotz ihres anstößigen Berufs war die Anteilnahme riesig. Hunderte von Trauernden hörten die Trauerrede von Reverend William Martin. Danach eskortierte die Metropolitan Brass Band, 60 Mitglieder der Feuerwehr zu Fuß und 16 Kutschen ihren elegant gestalteten, silberbeschlagenen Sarg zum Flowery Hill Cemetery. Doch Julia wurde 800 Meter östlich der Stadt beigesetzt, deren Grab einfache Holzplanken, in denen nur der Name „Julia“ eingeritzt war, kennzeichnen. Als die Trauernden in die Stadt zurückkehrten, sangen die Feuerwehrleute „The Girl I Left Behind“. Aus Respekt blieben sogar zum ersten Mal seit der Ermordung von Präsident Abraham Lincoln alle Saloons geschlossen. Doch trotz dieses öffentlichen Trauerns blieb die Frage nach ihrem Mörder lange unbeantwortet. Es dauerte über ein Jahr, bis ein gewisser John Millain, ein französischer Bäcker und Herumtreiber, unter Verdacht geriet. Er wurde verhaftet, nachdem er versucht hatte, ein Kleid zu verkaufen, das einst Julia gehört hatte. Eine Durchsuchung seines Hauses brachte weitere Gegenstände zutage, die eindeutig Julia Bulette gehörten, darunter Schmuck und eine Truhe. Die Beweise waren erdrückend, und Millain wurde schließlich wegen Mordes verurteilt. Am 24. April 1868, nur wenig mehr als ein Jahr nach Julias Tod, wurde John Millain gehängt. Bis zu seiner Hinrichtung beteuerte er seine Unschuld. Mark Twain, der bekannte Autor und Journalist, soll das schreckliche Schauspiel der Hinrichtung beobachtet und es später in seinen Werken beschrieben haben. Der Mythos um Julia Bulette lebte weiter. Ihre Geschichte wurde durch Literatur und Fernsehen unsterblich gemacht. So widmete die Virginia and Truckee Railroad einen ihrer Luxuswaggons dem Andenken an Julia. Ihr Porträt zierte zahllose Salons in Virginia City, und in Rex Beachs Roman „The Spoilers“ wird sie als Cherry Malotte verewigt. Selbst die renommierte Fernsehserie „Bonanza“ widmete ihr eine Episode, in der Julia von Jane Greer dargestellt wurde. Doch Julia Bulettes wahres Leben war weit weniger glamourös, als es die Legenden vermuten lassen. In Wirklichkeit war sie krank und verschuldet, als sie ermordet wurde. Dennoch fasziniert ihre Geschichte bis heute: die tragische Gestalt einer Frau, die in einer Männerwelt Anerkennung suchte und fand, nur um auf brutale Weise aus dem Leben gerissen zu werden. In den Augen der Öffentlichkeit war sie nicht nur eine Prostituierte, sondern auch ein Symbol für die Hoffnungen und Träume, die in den staubigen Straßen von Virginia City blühten und verwelken konnten. Ihr Tod erinnerte die Bewohner daran, dass hinter jedem glänzenden Erfolg auch eine dunkle Seite lauerte, bereit zuzuschlagen, wenn man es am wenigsten erwartete. Abseits aller Mythen und Legenden bleibt die grausame Wahrheit bestehen: Julia Bulette war eine außergewöhnliche Frau, deren Leben und Tod das schaurige Spiegelbild einer Ära sind, die von Extremen geprägt war. Ihr Andenken ist von Trauer und Faszination gleichermaßen umhüllt, und ihr Schicksal bleibt eine der gruseligsten und gleichzeitig faszinierendsten Geschichten des amerikanischen Westens.
