Es war ein kühler Herbstmorgen im Jahr 1977, als zwei besorgte Damen unangemeldet das Tübinger Institut betraten. Ein Glas Brombeerkompott in den Händen haltend, baten sie um eine Untersuchung auf Giftbeimengungen. Was zunächst wie eine triviale Anfrage erschien, sollte sich bald zu einem der perfidesten Giftmordfälle Deutschlands entwickeln, bei dem der Täter mit einer Kaltblütigkeit und Grausamkeit vorgegangen war, die selbst gestandene Forensiker erschütterte. Die Geschichte begann mit dem tragischen Leid einer schwer erkrankten Frau namens Ingeborg R., die im Ulmer Klinikum am akuten Leberversagen und Aszites litt. Die Patientin, deren Gesundheitszustand bereits wiederholt durch stationäre Behandlungen stabilisiert worden war, erkrankte immer wieder an denselben Symptomen, sobald sie nach Hause zurückkehrte. Der Ehemann der Patientin, ein angesehener Chemielehrer namens Siegfried R. am Schubart-Gymnasium in Ulm, schien besonders interessiert daran zu sein, dass seine Frau das von ihm ans Krankenbett gebrachte Brombeerkompott schnellstmöglich verzehrte. Diese auffällige Dringlichkeit ließ erste Verdachtsmomente keimen. Im Laufe eines vertraulichen Gesprächs schilderte eine der beiden Damen, die Schwägerin der Patientin, die verdächtigen Umstände. Ihr Misstrauen war geweckt worden, als der Ehemann wiederholt darauf bestand, dass seine Frau das Kompott essen solle, oft begleitet von drängenden Telefonanrufen. Eine kleine Kostprobe hatte bei der Patientin sofort Übelkeit ausgelöst, ähnlich wie bei ihrer ersten Erkrankung. Aus Angst, weitere Beschwerden hervorzurufen, kontaktierte sie ihre Schwägerin und beschloss, das Kompott untersuchen zu lassen. Die Untersuchung des Brombeerkompotts stellte das Institut vor eine Herausforderung. Nach einer ersten Verfütterung an weiße Mäuse, die alle innerhalb von 12 Stunden verstarben, war klar, dass ein hochtoxisches Gift enthalten sein musste. Doch um welches Gift handelte es sich? Nach umfangreichen Prüfungen stellte sich heraus, dass es sich bei dem Gift um Nitrosodimethylamin handelte, eine hochtoxische Verbindung, die leberschädigend und krebserregend wirkt. Die quantitative Analyse des Brombeerkompotts ergab, dass es etwa 500 mg dieser gefährlichen Substanz enthielt. Die Ergebnisse wurden umgehend der Kriminalpolizei übermittelt, die den Chemielehrer noch während seines Schuldienstes festnahm. Der Beschuldigte räumte ein, das Gift beigemischt zu haben, bestritt jedoch die Tötungsabsicht. Seine Verteidigung behauptete, dass die lebensbedrohliche Erkrankung seiner Frau andere Ursachen haben müsse, da das Kompott nicht verzehrt worden sei. Dennoch bewiesen kriminalpolizeiliche Ermittlungen, dass der Lehrer bereits 1975 begonnen hatte, Nitrosodimethylamin zu bestellen, zeitgleich mit dem Erscheinen eines Artikels über chemische Cancerogene in der Zeitschrift „Chemie unserer Zeit“, den er gelesen hatte. Insgesamt kam ans Licht, dass Siegfried R. dreimal je 25 ml Nitrosodimethylamin der Firma Merck über den Schuletat gekauft hatte. Er wollte damit seine Ehefrau langsam umbringen, in dem er ihr über Jahre hinweg geringe Dosen der hochgradig giftigen Substanz ins Essen und Trinken gab. Doch warum wollte Siegfried R. seine Ehefrau auf diese schmerzvolle Weise umbringen? Siegfried R. genoss einen tadellosen Ruf als Oberstudienrat, der als zweifacher Familienvater für die Außenwelt mit Ingeborg eine Bilderbuchehe führte. Doch dies war alles nur Fassade, denn Ingeborg hatte Siegfried mit ihrem Hausarzt betrogen. Als dieser 1969 bei einem Unfall starb, gaben beide ihrer Ehe nochmal eine Chance. Aber Siegfried war zutiefst gekränkt, der nur noch Rache im Sinn hatte. Die Lage spitzte sich zu, als er eine Affäre mit einer 23 Jahre jüngeren Kollegin begann. Da eine Scheidung aus Kostengründen nicht infrage kam, machte er den entscheidenden Fehler mit dem vergifteten Brombeerkompott, da ihm Ingeborg nicht schnell genug starb. Hätte er diesen Fehler nicht gemacht, dann wäre es der perfekte Mord gewesen. Das Gericht erkannte an, dass die Erkrankungen von Ingeborg durch wiederholte Giftgaben verursacht worden waren. Die erste Dosis Gift erfolgte vermutlich Ende 1975 und führte zu schweren Lebererkrankungen. Diese Taten wurden als Mordversuche gewertet, da Siegfried genau wusste, dass das Gift schnell verstoffwechselt wird und daher nur schwer nachweisbar ist. Das Urteil lautete auf versuchten Mord und brachte dem Chemielehrer eine lebenslange Freiheitsstrafe ein. Dieses Urteil gilt bis heute als Präzedenzfall, denn noch nie war jemand wegen versuchten Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Kurz nach Prozessende verstarb Ingeborg an den Folgen des Leberversagens. Siegfried R., besser bekannt als der „Brombeermörder“, wie er in den Medien genannt wurde, erlag im Oktober 1984 nach 6 Jahren Haft an einem Magenkrebsleiden im Gefängniskrankenhaus Hohen Asperg. Bis zu seinem Tod hatte er im Strafvollzug einen Modellversuch gegründet, in dem er Mitgefangene unterrichtete und zu einem Schulabschluss verhalf. Trotz dieser tragischen Enden erinnerte der Fall die Öffentlichkeit daran, wie weit menschliche Bosheit gehen kann und welch unschätzbaren Beitrag die Forensik zur Gerechtigkeit leisten kann.
