Der Mord an dem Polizisten Gerhard Gergaut war einer der bedeutendsten Kriminalfälle in der Deutschen Demokratischen Republik und ereignete sich im Januar 1981. Der Fall erlangte erst nach der Wende größere Bekanntheit, wobei die offizielle Berichterstattung damals nur sehr knapp erfolgte. Der tote Polizist war der 31 Jahre alte Gerhard Gergaut, der am 18. Januar 1949 in Leipzig geboren wurde. Nach seinem Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee entschied er sich im Jahr 1971, zur Deutschen Volkspolizei zu gehen. Dort war er im Streifendienst tätig und sorgte für die Sicherheit und Ordnung auf den Straßen Leipzigs. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Sein Leben verlief scheinbar geordnet, bis zum schicksalhaften Tag im Januar 1981. Gerhard Gergaut wurde das Opfer von dem 25 Jahre alten Helmut C., einem Anlagenmechaniker aus Leipzig. Er war ebenfalls verheiratet und hatte zwei Kinder. Im Dezember 1980 hatte er den Plan geschmiedet, ein Flugzeug zu entführen und sich damit in die Bundesrepublik Deutschland abzusetzen. Die Beweggründe für diesen radikalen Entschluss blieben unklar, doch sie führten letztlich zu einem tragischen Ereignis. Am Abend des 14. Januar 1981 schlich sich Helmut C. in eine Kaserne der Nationalen Volksarmee am Wiederitzscher Weg. Dort überraschte er den Postenführer Jürgen P. und raubte ihm seine Dienstwaffe, eine Kalaschnikow, mit 60 Schuss Munition. Mit der Waffe machte er sich auf den Weg zum Flughafen Schkeuditz, um dort sein Vorhaben umzusetzen. Auf dem Weg dorthin klingelte er an mehreren Häusern in der Radefelder Straße, wo er die Bewohner, die ihm die Tür öffneten, mit vorgehaltener Pistole bedrohte. Er wollte von diesen ein Fahrzeug erpressen. Doch ein mutiger Anwohner versuchte Helmut C. zu überwältigen, der daraufhin die Flucht ergriff. Nachdem der Überfall gemeldet wurde, alarmierte die NVA-Dienststelle sofort die Volkspolizei. Diese startete umgehend eine groß angelegte Fahndung nach Helmut C. An diesem Abend, dem 14. Januar 1981, begann auch für Gerhard Gergaut der Nachtdienst. Er führte zusammen mit seinem Kollegen Lutz Hartwig die Suche nach dem bewaffneten Flüchtigen durch. In den frühen Morgenstunden des 15. Januar 1981, kurz nach Mitternacht, fuhren Gerhard Gergaut und Lutz Hartwig mit ihrem Lada-Dienstwagen durch die Slevogtstraße in Leipzig. Plötzlich stießen sie auf Helmut C., der sofort das Feuer eröffnete. Er feuerte fast das gesamte Magazin seiner Kalaschnikow auf die beiden Polizisten ab. Gerhard Gergaut wurde von zahlreichen Schüssen getroffen und erlag noch am Tatort seinen schweren inneren Verletzungen. Sein Kollege Lutz Hartwig wurde ebenfalls von mehreren Kugeln getroffen, überlebte aber schwer verletzt. Nach dem Angriff auf die beiden Polizisten flüchtete Helmut C. zunächst. Doch die umfangreiche Fahndung der Volkspolizei zeigte Erfolg. Noch in derselben Nacht konnte Helmut C. festgenommen werden. In den anschließenden Vernehmungen gestand er seine Taten ohne Umschweife. Das Bezirksgericht Leipzig verurteilte Helmut C. am 19. Juni 1981 wegen Mordes in Tateinheit mit Terror und unerlaubtem Waffenbesitzes zu lebenslanger Haft. Bemerkenswert ist, dass Helmut C. bereits im Jahr 1991 aus der Haft entlassen wurde. Auch der NVA-Postenführer Jürgen P. musste sich vor Gericht verantworten. Am 8. April 1981 wurde er vom Militärgericht in Halle wegen Verletzung der Dienstvorschriften und einer Falschaussage zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt. Zunächst hatte Jürgen P. behauptet, er sei von Helmut C. von hinten angegriffen und brutal niedergeschlagen worden. Später stellte sich jedoch heraus, dass er sich von Helmut C. in ein Gespräch hatte verwickeln lassen und ihm somit unbefugt Zutritt zu seinem Postenbereich in der Kaserne gewährte. Im Jahr 1981 wurde der Fall des Polizistenmordes von Leipzig lediglich in einer kurzen Mitteilung in einer Tageszeitung publiziert. Angesichts der politischen Lage in der DDR war es nicht ungewöhnlich, dass solche Fälle nicht breit medial ausgeschlachtet wurden. Die Staatsmacht wollte Unruhen vermeiden und das Vertrauen in die Sicherheit des Staates wahren. Erst nach der Wende im Jahr 1989 erlangte der Fall eine größere Aufmerksamkeit. Verschiedene Tageszeitungen griffen die Geschichte auf und berichteten ausführlicher über die Ereignisse, oftmals unter der Überschrift „Der Polizistenmord von Leipzig“. Diese Berichte halfen dabei, die Erinnerung an Gerhard Gergaut und die Umstände seines tragischen Todes wachzuhalten. Der Polizistenmord von Leipzig zeigt beispielhaft die komplexe, manchmal widersprüchliche Natur des Lebens in der DDR. Auf der einen Seite stand die offizielle Erzählung eines sozialistischen Staates, der für Sicherheit und Wohlstand seiner Bürger sorgt. Auf der anderen Seite existierte die Realität mit ihren sozialen Spannungen, individuellen Fluchtbestrebungen und teils drastischen Konsequenzen. Helmut C.’s verzweifelter Plan, ein Flugzeug zu kapern und in den Westen zu fliehen, steht stellvertretend für viele gescheiterte Fluchtversuche aus der DDR. Die Tatsache, dass er bereit war, Gewalt einzusetzen und Menschenleben zu gefährden, verdeutlicht die tiefen Risse im System und die Verzweiflung vieler Menschen. Die schnelle und entschlossene Reaktion der Volkspolizei zeigt gleichzeitig die Effektivität staatlicher Kontroll- und Überwachungsmechanismen, die oftmals mit drakonischen Maßnahmen einhergingen. Die Bestrafung von Jürgen P. veranschaulicht zudem, wie strikt die Dienstvorschriften der NVA und der Volkspolizei durchgesetzt wurden – selbst kleine Nachlässigkeiten konnten zu schwerwiegenden Konsequenzen führen. Heute erinnert eine Gedenktafel in Leipzig an den ermordeten Polizisten Gerhard Gergaut. Sie dient als Mahnmal für die Gefährlichkeit und Tragik seiner Arbeit sowie als Erinnerung an die Opfer politischer und sozialer Konflikte in der DDR. Das Bewusstsein für solche historischen Ereignisse ist entscheidend, um die Vergangenheit zu verstehen und daraus zu lernen. Der Fall des Polizistenmords von Leipzig bleibt ein bedeutsames Kapitel der DDR-Geschichte, das sowohl die Herausforderungen des damaligen Staatswesens als auch die menschlichen Tragödien, die daraus resultierten, beleuchtet. Insgesamt zeigt die Geschichte des Polizistenmordes von Leipzig, wie individuelle Schicksale und staatsbedingte Mechanismen zwangsläufig miteinander kollidierten. Sie lädt uns ein, darüber nachzudenken, wie politische Systeme das Leben Einzelner beeinflussen und welche Bedeutung das Erinnern und Erzählen solcher Geschichten hat, um die Vergangenheit lebendig zu halten und Lehren für die Zukunft zu ziehen.
